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Mi 27.06.2018 19:30 :

Der Umgang mit NS-Verbrechen in der BRD

INPUT: NS-TäterInnen vor Gericht

Referentin: Sabine Reimann (Historikerin, Referentin des Antirassistischen Bildungsforums Rheinland)

Man möchte meinen, die juristische Verfolgung von NS-Verbrecherinnen und Verbrechern sei längst abgeschlossen. Doch auch heute noch wird gegen mutmaßliche NS-Täter und Täterinnen ermittelt. Zur Zeit liegen mindestens 14 Verfahren bei den zuständigen Staatsanwaltschaften: Das Landgericht Mannheim prüft, ob es das Hauptverfahren gegen einen 94-jährigen ehemaligen SS-Wachmann in Auschwitz-Birkenau eröffnet, dem Beihilfe zum Mord in 13.335 Fällen zur Last gelegt wird. Die Staatsanwaltschaft Erfurt hat Anfang des Jahres Verfahren gegen fünf ehemalige SS-Wachmänner des Konzentrationslagers Buchenwald eingeleitet, die Verbrechen in der sogenannten „Endphase“ begangen haben sollen. Und in Lübeck wird gegen eine 95-jährige Frau wegen Verdachts der Beihilfe zum Mord ermittelt. Die Verdächtige arbeitete bei Danzig im Konzentrationslager Stutthof als Telefonistin und hat sich möglicherweise mitschuldig am Massenmord gemacht.
Entscheidend für die Einleitung dieser Verfahren war ein wegweisendes Urteil, das das Landgericht München 2011 gegen den damals von der SS aus deutscher Kriegsgefangenschaft rekrutierten „Hilfswilligen“ John Demjanjuk fällte: fünf Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord. Ein juristisches Novum: Das Gericht legte für die Verurteilung die bloße Anwesenheit in einem reinen Mord- und Vernichtungslager (in diesem Fall Sobibor), zu Grunde und nicht den konkreten Nachweis eines Mordes. Der Angeklagte sei „Teil dieser Vernichtungsmaschinerie“ gewesen, so der Richter.
Der INPUT-Vortrag gibt einen Überblick zum Thema juristische Verfolgung von NS-TäterInnen in der Geschichte der BRD und geht dabei anhand von Beispielen auf verschiedene Typen von Täterschaft im Kontext von NS-Verbrechen und deren Ahndung ein. Außerdem wird der Diskurs um die „letzten deutschen NS-Prozesse“ vorgestellt und kritisch reflektiert. Wie kommt es, dass erst jetzt die allerletzten noch lebenden Täter- und Täterinnen auf die Anklagebank kommen, und warum sind so viele NS-Verbrechen
überhaupt nicht geahndet worden? Was bringt es jetzt noch, Greise anzuklagen? Was bedeuten die späten Prozesse für die Angehörigen der Opfer? In welchem Verhältnis steht die Bilanz geahndeter NS-Verbrechen zur Erzählung der gelungenen Aufarbeitung der NS-Geschichte in der BRD steht und welche Schlüsse daraus für eine emanzipative und kritische Erinnerungspolitik am „Ende der Zeitzeugenschaft“ zu ziehen sind.



INPUT – antifaschistischer Themenabend in Düsseldorf existiert seit 2002
und findet in der Regel einmal monatlich statt, zumeist am letzten
Mittwoch im Monat im „Zentrum Hinterhof“, hin und wieder auch an anderen
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angeboten. Ankündigungen unter http://linkes-zentrum.de. Aktuelle
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